Schulkalender

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Ausschnitt aus dem Einführungsvortrag zur diesjährigen Präsentation des Auschwitz-Projektes von Reinhard Badzura, Fachbereichsleiter der Gesellschaftswissenschaften

 

(…) Das Auschwitz-Projekt, das heißt die zweiwöchige Fahrt einer Schülergruppe der 12. Jahrgangsstufe nach Auschwitz gemeinsam mit SchülerInnen der Bergschule in Apolda und die anschließende Präsentation in Apolda und Mühlheim, ist inzwischen über die Schulgemeinde hinaus bekannt und mehrfach ausgezeichnet worden. Das und die langjährige Tradition weisen auf die Bedeutung hin, die diesem Projekt zukommt.

Darüber hinaus hat es für unsere Schule im Rahmen der Historischen Bildung einen besonderen Stellenwert, und zwar bezogen auf beide Bereiche dieses Begriffes.

Altkanzler Helmut Schmidt hat neulich in einem langen Interview gesagt, dass Auschwitz auf lange Zeit hin und noch nach vielen Generation mit den Deutschen verknüpft sein, ihnen gleichsam als Gepäck mit auf ihren Lebensweg gegeben wird.

Wenn es so ist, dann ist die Fahrt nach Auschwitz nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Sie ist aber nicht nur eine Fahrt in eine Zukunft, sondern auch eine Erfahrung und zugleich Voraussetzung dafür, diese Zukunft bewältigen und gestalten zu können.

Sicherlich ersetzt sie nicht das Verstehen und Erkennen von Prozessen, die zu Auschwitz geführt und die aus "Menschen Massenmörder" gemacht haben, aber sie kann ein wesentlicher Impuls dazu sein, dieses Verstehen und Erkennen zu beginnen. Auschwitz ist genau der Ort, an dem Nähe und Distanz, die beiden Voraussetzungen für das Verstehen von Geschichte, gegeben sind. Es ist nicht einfach nur ein "außerschulischer Lernort", sondern auch ein Ort, an dem eigentlich mehr Fragen entstehen als Antworten gegeben werden.

Insofern findet in diesen vierzehn Tagen der Recherche in den beiden Lagern (Auschwitz I und Birkenau), der Gespräche miteinander und mit ausländischen Besuchern, des Studiums im Archiv, der Renovierungsarbeiten – und der Fassungslosigkeit so etwas wie Bildung statt..

Denn Bildung bedeutet immer mehr als Wissen, sie ist verankert im Menschen, sie hat etwas mit Orientierung zu tun – und insofern ist sie auch auf Erfahrungen und Selbst-Erfahrung, Verstörung und Selbstreflexion angewiesen. Und dieser Ort wirft uns auf uns zurück, er berührt uns in unserer Identität.

Die Schule muss mehr wollen als bloße Wissensvermittlung, denn diese würde zu Oberflächlichkeit, die ihre eigene Oberflächlichkeit nicht mehr erkennte, führen. Das bedeutet aber auch eine Entschleunigung von Lernprozessen in Zeiten der Beschleunigung. G8 und Bachelor seien hier nur genannt.

Insofern ermöglicht das Auschwitz-Projekt einen den schulischen Alltag ergänzenden Bildungsprozess, der das ganze Subjekt erfasst. (…)

Ich freue mich, dass auch im vergangenen Jahr die Fahrt nach Auschwitz auf so großes Interesse bei Schülerinnen und Schülern gestoßen ist – was offensichtlich der generalisierenden These von der "hedonistischen Jugend", die nur auf kurzfristige Lustmaximierung aus ist, widerspricht, zumal derartige Fahrten nicht mehr ohne Preis zu haben sind; sind sie doch

eingebettet in einen Schulalltag, der im Zeichen von G8 und Landesabitur immer verplanter und dessen Kerngeschäft, der normale Unterricht, kostbarer wird. Jede ausgefallene Stunde muss sozusagen selbständig nachgearbeitet werden. Insofern haben die Schülerinnen und Schüler mit dieser wahrhaftigen Studienfahrt Mehrarbeit auf sich genommen.

Ich danke daher den SchülerInnen für ihr Engagement. Darüber hinaus danke ich den Kollegen, die die SchülerInnen im vergangenen Herbst nach Auschwitz begleitet haben, Jochen Haberer und Michael Schmidt aus unserer Schule und Thomas Thieme aus der Bergschule, sehr für ihre Arbeit und die Möglichkeiten, die sie den SchülerInnen eröffnet haben. Schließlich möchte ich die Jugendpflege der Stadt Mühlheim und diese selbst nennen, ohne deren personelle und materielle Unterstützung das Projekt so nicht möglich wäre.

Reinhard Badzura, Mühlheim am 25.1.2009