Schulkalender

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Nachdem wir, dreißig Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums, uns am ersten Tag in unserer Unterkunft, dem „Zentrum für Dialog und Gebet“, in Auschwitz eingefunden hatten, begannen wir die zwei darauffolgenden Tage, nach dem Frühstück, mit Führungen.

 

Die Besichtigung des Stammlagers war für den ersten der beiden Tage angesetzt. Für nahezu jeden von uns war dies die erste Begehung eines Konzentrationslagers. Auch wenn sich jeder schon im Unterricht mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatte, war die direkte Konfrontation vor Ort noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Während der gesamten Führung zog sich über unsere Gesichter abwechselnd, oder gar gleichzeitig, Entsetzen und Spachlosigkeit. Welche grausamen Taten sich dort, genau an diesem Platz, zugetragen hatten, wollte und konnte man sich teilweise nicht vorstellen.

 

 

Nach der Besichtigung des gesamten Geländes mit all den verschiedenen Blocks, in denen heute jeweils die Geschichte der Verfolgten einer bestimmten Nationalität, durch ganz unterschiedliche Medien, erläutert wird, hatten wir selbst noch etwas Zeit, um das Museumsgelände in kleinen Gruppen zu erkunden.

 

Am zweiten Tag hatten wir dann eine Führung im einige Minuten entfernten Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Eins war klar: Nachdem uns im Stammlager klar geworden war, wie sadistisch diese Verbrechen waren, wurde uns in Birkenau erst bewusst, welches Ausmaß die Verfolgung im Dritten Reich allein in Auschwitz gehabt hatte. Obwohl viele Teile des Geländes nicht mehr erhalten sind, erwies sich die Führung durch das große Areal als sehr interessant.

 

An den folgenden Tagen haben wir dann angefangen, uns in Gruppen zu organisieren und uns auf besondere Themen zu spezialisieren. So befassten sich die Gruppen beispielsweise mit der Situation der Häftlinge oder der Persönlichkeit der Täter, indem sie verschiedenste Quellen, von autobiografischen Schriften bis hin zu Gerichtsakten, durcharbeiteten. Dadurch, dass wir direkt vor Ort waren und Stellen, die in unseren Quellen erwähnt wurden, selbst aufsuchen konnten, war es insgesamt eine sehr praxisorientierte und interessante Arbeit.

 

Die anschließenden Tage verbrachten wir abwechselnd mit inhaltlichen Arbeitsphasen, einem Zeitzeugengespräch, weiteren individuellen Begehungen des Konzentrationslagers, aber auch mit einem Aufenthalt in Krakau und verschiedenen Gruppentreffen und Gesprächen. Der Ausflug nach Krakau, wo wir zusammen mit Schülern unserer polnischen Partnerschule aus Radomsko neben der Innenstadt auch das jüdische Viertel und das Stadtmuseum besichtigt haben, stellte für uns eine Abwechslung dar. Das Zeitzeugengespräch mit dem KZ-Überlebenden Carol Tendera war für alle ein wirkliches Schlüsselerlebnis, nachdem er uns seine bewegende Geschichte erzählt hatte, ließ er es sich mit seiner charismatischen Persönlichkeit nicht nehmen, uns viele Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben.

 

 

Erste Ergebnisse der Gruppenarbeit konnten wir uns gegenseitig bereits in Polen präsentierten, erst in Mühlheim haben wir dann aber angefangen, den eigentlichen Themenabend zum Gedenken anlässlich der Befreiung des KZs am 27. Januar 1945 zu planen. Dabei haben wir Wege gesucht, unser Wissen möglichst anschaulich für die Zuschauer darzustellen. Wir nutzten hauptsächlich Informationen, die wir uns in Auschwitz erarbeitet hatten, aber auch teilweise Wissenswertes aus hier erarbeiteten Studien und Workshops zum Thema Antisemitismus und Rassismus, an welchen wir in Frankfurt teilnahmen. Aus einigen Treffen und intensiver Gruppenarbeit resultierte unsere umfangreiche Projektpräsentation als Themenabend mit verschiedensten Beitragen, wie z.B. einem möglichen inneren Monolog eines Täters, einer Bühnendiskussion zur Erinnerungskultur  oder einer Plakatausstellung zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit.

 

Die eigentliche Frage ist nun, was wir persönlich an Erfahrungen aus dem gesamten Projekt mitgenommen haben. Das Motto unser eigentlichen Präsentation lautete: "Mensch erinnere, was in Auschwitz dir geschah!" Zu Beginn des Projektes haben wir in Auschwitz selbst diese Erfahrung gemacht, bevor wir sie bei der Vorstellung wiederrum unserem Publikum vermitteln konnten. Sicher könnte man sagen, dass die im Unterricht vermittelten Informationen reichen, um sich einen Eindruck vom Holocaust und der Situation der Verfolgten im Dritten Reich zu machen. Allerdings ist es nochmal etwas ganz anderes, sich so direkt, vor Ort, mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Anders als manche vielleicht  denken, war unsere einwöchige Konfrontation in Auschwitz selbst nicht zu emotional, um das Thema analytisch zu betrachten. Auch, wenn uns natürlich die schockierenden Geschehnisse dieses Ortes sehr beschäftigt haben, konnten wir seine Geschichte sachlich bearbeiten. Des Weiteren hatte ich den Eindruck, dass das Auschwitzprojekt sich über die Grenzen seines Titels ausweitet. Auschwitz steht, mit seiner Größe, nicht nur stellvertretend für alle anderen Konzentrationslager, sondern auch allgemein für die Verfolgung von Minoritäten im Dritten Reich und als mahnendes Beispiel für alle neueren Formen von Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Wir versuchten, nicht nur das Schicksal der Opfer darzustellen, sondern beispielsweise auch das Verhalten der Aufseher in den Gerichtsprozessen. Wir wollten das Thema von den verschiedensten Stellen aus beleuchten und auch einen Fokus auf die Auswirkung für die Zukunft legen. Die Ursache für „Auschwitz“, der Antisemitismus und das generelle Diskriminieren sozialer Minderheiten, spielten eine große Rolle. So betonte besonders unsere kleine Ausstellung, welche Relevanz dieses Problem auch in unserer heutigen Gesellschaft leider noch hat. Somit beinhaltete das Projekt mehr als das, worauf man es im ersten Moment vielleicht reduziert. Über all dieses Wissen über den Holocaust und soziale Diskriminierungen hinaus, war es eine ganz neue Erfahrung, ein so großes Projekt selbst zu erarbeiten. Diese Erfahrung gemacht zu haben, hat uns gezeigt, wie wichtig ein koordiniertes Zusammenarbeiten ist und besonders, wie umfangreich ein solches Projekt hinter den Kulissen ist.

 

Auch wenn das Projekt insgesamt sehr zeitintensiv und teilweise anstrengend war, ist der Ertrag groß gewesen. Die Möglichkeit, so intensiv und praxisorientiert an einem Thema zu arbeiten, gibt es sehr selten ist. Da man jedoch sehr daran wächst, kann ich die Begegnung mit diesem Ort nur weiterempfehlen.

 

Gabriel Häusler